Vertikales

No vertical limit

Krishna Lahoti lässt alle Zügel der Perspektive fahren: Seine vertikalen, 360 Grad abzirkelnden Panoramen setzen Himmel und Erde in Bewegung, um einen ungeahnten Seheindruck zu bescheren. Zum besseren Verständnis muss man von der rein zentralperspektivischen Raumwahrnehmung Abstand nehmen. Eher geeignet ist die Vorstellung des Raumes als eine den Betrachter umgebende Tonne, die geöffnet und auf eine plane Fläche, die Bildfläche, abgewickelt wird. So erklären sich die auf- und abwallenden Verzerrungen, die altehrwürdiger Ornamentik neues pulsierendes Leben einhauchen.

Nicht nur klassische Innenräume regen Lahoti zu seinen waghalsigen Aufnahmen an. Sein Bild vom Eiffelturm gehört wohl zu den ungewöhnlichsten, die je davon gemacht wurden. Die Surrealisten der dreißiger Jahre hätten ihn sicher geliebt für seinen Mut, dem Betrachter so den Kopf zu verdrehen. Ist es nicht eher der Elefant von Celebes, der, ganz frei nach Max Ernst, gravitätisch über Paris hinwegschreitet?

Krishna Lahoti verwendet auch den Begriff "Topologische Fotografie" für seine Arbeitsweise. Auf einem kleinen Ausflug in die Begrifflichkeit der zeitgenössischen Philosophie trifft man Begriffe wie "topological turn" oder "spatial turn". Beide Begriffe umschreiben die Hinwendung zur verstärkten Wahrnehmung des Raumes durch die Kulturwissenschaften. Die Werke des Südwestdeutschen mit dem klingenden Namen könnten der grauen Theorie als farbenprächtige Illustration dienen, selten erfährt und hinterfragt man den Bildraum stärker als in seinen vertikalen Panoramen.

Horst Klöver